Wettbewerbe und Qualitätssichernde Verfahren in Zukunft
Wie müssen Wettbewerbe und qualitätssichernde Verfahren künftig aussehen, wenn Planungsaufgaben komplexer, Beteiligungsansprüche größer und Ressourcen gleichzeitig knapper werden?
Mit dieser Frage beschäftigte sich die Zukunftswerkstatt „Wettbewerbe / Qualitätssicherung & Partizipation – Wettbewerb neu denken. Qualität sichern. Demokratie gestalten.“, die am 9. September 2026 in der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen stattfand.
Rund 40 Fachleute aus Planung, Kommunen, Bauherrschaft, Wettbewerbsbetreuung, Wissenschaft und Berufspolitik kamen zusammen, um einen ganzen Tag lang nicht nur über den Status quo, sondern vor allem über die Zukunft qualitätssichernder Planungsverfahren zu diskutieren.
Für uns bei ISR war die Veranstaltung in besonderer Weise spannend: Unser Geschäftsführer Jochen Füge, Mitglied im Wettbewerbsausschuss der AKNW, hat das Format gemeinsam mitentwickelt und mitinitiiert und die Zukunftswerkstatt moderiert.


Ein anderes Format für eine offene Diskussion
Schon das Format unterschied sich bewusst von einer klassischen Fachtagung. Statt einer Abfolge von Vorträgen und Podiumsdiskussionen stand die gemeinsame Arbeit im Mittelpunkt.
Nach der Begrüßung führten Harald Wennemar, Vorsitzender des Ausschusses Wettbewerb & Vergabe, und Prof. Rolf Westerheide, Vorsitzender des Ausschusses Stadtplanung der AKNW, mit fachlichen Impulsen in die Fragestellungen ein.
Anschließend wurde in vier parallelen Werkstätten gearbeitet. Im Mittelpunkt standen vier Themenfelder: Mindeststandards qualitätssichernder Verfahren, Partizipation als Qualitätsmotor, die Vielfalt möglicher Verfahrensarten sowie die Weiterentwicklung der Verfahren und die künftige Rolle des Berufsstandes.
Methodisch wurde dafür Dynamic Facilitation eingesetzt. Der Ansatz erlaubt es, Probleme, Ideen, Bedenken und Hintergrundwissen zunächst gleichberechtigt sichtbar zu machen, anstatt eine Diskussion zu früh in vorgegebene Bahnen zu lenken. Gerade bei komplexen und durchaus kontroversen Fragestellungen entsteht dadurch Raum für neue Verbindungen und Lösungsansätze.
Der große Zuspruch der Teilnehmenden hat gezeigt: Diese Offenheit funktioniert. Das Format führte sehr schnell in eine intensive fachliche Diskussion und ermöglichte eine Tiefe des Austauschs, die mit klassischen Veranstaltungsformaten nur schwer zu erreichen ist.
Die RPW bleibt – aber der Werkzeugkasten muss größer werden.
Eine wesentliche Erkenntnis des Tages war: Es geht ausdrücklich nicht um einen Abschied vom klassischen Wettbewerb oder von der RPW.
Die Richtlinie für Planungswettbewerbe bleibt ein wichtiger Werte- und Qualitätsrahmen. Sie steht für Fairness, Transparenz, nachvollziehbare Verfahren und eine unabhängige fachliche Bewertung.
Gleichzeitig verändern sich die Aufgaben.
Bestandsentwicklung, Transformation, Nachverdichtung, Klimaanpassung, komplexe städtebauliche Fragestellungen und zunehmende Anforderungen an Beteiligung lassen sich nicht immer mit demselben Verfahren beantworten.
Oder anders formuliert: Nicht jede Aufgabe lässt sich mit demselben Werkzeug lösen. Deshalb muss unser Werkzeugkasten größer werden.
Neben klassischen Wettbewerben können beispielsweise dialogorientierte Formate, Mehrfachbeauftragungen, Werkstatt- und Ideenverfahren oder andere qualitätssichernde Formate sinnvoll sein.
Dabei wurde auch deutlich: Viele dieser Möglichkeiten existieren bereits heute. Informelle und alternative qualitätssichernde Verfahren können von den handelnden Akteuren entwickelt und angewendet werden. Entscheidend ist weniger das Etikett eines Verfahrens als die Frage, ob wesentliche Mindeststandards eingehalten werden – insbesondere bei Qualitätssicherung, angemessener Honorierung, Transparenz und einer qualifizierten unabhängigen Jury bzw. Beurteilung.
Damit liegt die Verantwortung nicht allein bei der Kammer. Auch Kommunen, Bauherrschaften, Wettbewerbsbetreuende und Planende sind gefragt, vorhandene Spielräume zu nutzen und geeignete Verfahren verantwortungsvoll aufzusetzen.



Qualität beginnt vor dem Wettbewerb – und endet nicht mit dem Preisgericht
Ein zweiter wichtiger Diskussionsstrang betraf den gesamten Planungsprozess.
Qualität entsteht nicht erst mit dem Entwurf. Eine gut vorbereitete Phase 0 kann wesentlich dazu beitragen, Aufgabenstellungen, Interessen, Rahmenbedingungen und gegebenenfalls Konflikte frühzeitig zu klären.
Auch Partizipation bekommt in diesem Verständnis eine andere Rolle. Sie sollte nicht erst dann beginnen, wenn ein fertiges Ergebnis vermittelt oder legitimiert werden soll. Beteiligung kann bereits Teil der Aufgabenentwicklung sein – vorausgesetzt, es ist transparent, worüber, wann und mit welchem tatsächlichen Gestaltungsspielraum gesprochen wird.
Genauso wichtig ist der Blick auf das Ende eines Wettbewerbs: Die Entscheidung eines Preisgerichts allein garantiert noch keine gebaute Qualität.
Deshalb wurde intensiv darüber diskutiert, wie der ursprüngliche Qualitätsanspruch eines Wettbewerbsergebnisses über die weiteren Planungsphasen bis zur Realisierung gesichert werden kann. Qualitätssicherung muss als kontinuierlicher Prozess verstanden werden.
Schneller, flexibler – aber nicht beliebig
Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage nach Zeit und Aufwand.
Qualitätssichernde Verfahren müssen auch unter den realen Bedingungen von Kommunen und Bauherrschaften funktionieren. Wenn Vorbereitung, Registrierung, Durchführung und anschließende Vergabe zu komplex oder zeitaufwendig werden, verlieren gute Verfahren in der Praxis an Attraktivität.
Die Konsequenz kann allerdings nicht darin bestehen, Qualitätsstandards aufzugeben. Vielmehr geht es darum, Verfahren angemessen zu dimensionieren, unnötige Komplexität abzubauen und vorhandene Flexibilität besser zu nutzen.
Die Diskussion lässt sich deshalb vielleicht auf fünf zentrale Begriffe verdichten:
Zeit. Vertrauen. Flexibilität. Qualität. Kontinuität.
Sie beschreiben ziemlich genau das Spannungsfeld, in dem sich die Weiterentwicklung des Wettbewerbswesens bewegt.
Von der RPW zur „RQV“?
Aus der Diskussion entstand schließlich auch ein bewusst weitergedachter Gedanke.
Wenn wir Wettbewerb künftig nicht isoliert betrachten, sondern als einen Bestandteil einer umfassenderen Kultur der Qualitätssicherung, könnte sich langfristig sogar das Selbstverständnis der heutigen Richtlinie für Planungswettbewerbe (RPW) erweitern.
Warum nicht irgendwann eine „Richtlinie für qualitätssichernde Verfahren“ – eine RQV?
Gemeint ist damit ausdrücklich nicht, die bewährten Grundsätze der RPW aufzugeben. Im Gegenteil: Ihr Qualitäts- und Wertekanon könnte die Grundlage für ein breiteres Verständnis bilden, das klassische Wettbewerbe ebenso berücksichtigt wie Partizipation, dialogische Formate und alternative qualitätssichernde Verfahren.
Ein gelungener Auftakt – und ausdrücklich kein Schlusspunkt
Für uns war die Zukunftswerkstatt ein außerordentlich gelungener Tag.
Nicht nur wegen der Vielzahl konkreter fachlicher Ansätze, sondern vor allem wegen der Art, wie diese entstanden sind. Dynamic Facilitation hat einen offenen Diskussionsraum geschaffen, in dem unterschiedliche Erfahrungen und Interessen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern produktiv miteinander verbunden werden konnten.
Das Format fand bei den Teilnehmenden großen Anklang. Aus den vier Werkstätten entstand ein erster gemeinsamer Rahmen dafür, wie qualitätssichernde Verfahren zukünftig weitergedacht werden können.
Eine Erkenntnis nehmen wir dabei besonders mit:
Wir müssen nicht für jede neue Herausforderung zuerst nach einer neuen Regel rufen. Als handelnde Akteure können und sollten wir die vorhandenen Möglichkeiten nutzen, Verantwortung übernehmen und gute Verfahren gemeinsam entwickeln, erproben und weiter verbessern.
Genau darin liegt für uns auch die Stärke dieser Zukunftswerkstatt. Sie hat nicht versucht, an einem Tag alle Fragen abschließend zu beantworten. Sie hat Menschen mit hoher fachlicher Expertise zusammengebracht, neue Perspektiven geöffnet und einen gemeinsamen Arbeitsprozess angestoßen.
Wir freuen uns darauf, diesen Weg gemeinsam fortzusetzen.

